5.4.2 Ein jüdischer Mensch im Wissen um das Leiden seines Volkes
– Gurs-Deportierter erfasst sein Schicksal in einem Gedicht -

Obiges „Deportationsggedicht“ hat mit großer Wahrscheinlichkeit eine Person aus Mutterstadt im Okt. 1940 verfasst. [000]

Gurs-Deportations-Gedicht

Am 22. Oct. 1940 morgens um sieben,
wurden wir Juden aus Deutschland vertrieben.
Ein historischer Tag und Schrecken oh Graus,
wir Juden wandern in die Welt hinaus.
Mit dem Notwendigsten versehen,
mussten wir von dannen gehen.
Wohin, die Antwort blieb aus,
wir wandern in die weite Welt hinaus.
Die Züge rollen in finsterer Nacht,
das Auge Gottes darüber wacht.
Die Nacht vorbei begann der Morgen,
wieder umgeben von neuen Sorgen.
Doch wozu des Grübelns simulieren,
wir haben doch nichts mehr zu verlieren.
Man hat uns alles schon geraubt,
doch stark bleibt, wer an Gott geglaubt.
Zu unserem Ziel man führt uns hin,
die meisten mit betrübten Sinn.
Das Ziel, wie sieht es denn wohl aus?
Man legt uns ins Barackenhaus.
Ihr müsst nicht klagen und nicht weinen,
auch uns wird noch die Sonne scheinen.
Sieben unfruchtbare Jahre sind vorbei,
von 1933 bis 1940, es war nicht einerlei!
Sieben fruchtbare Jahre werden kommen,
man hat uns den Glauben noch nicht genommen.
Aus der Knechtschaft wollt uns Gott befreien,
dass wir hier sind, sollen wir nicht bereuen.
Nur den Kopf hoch und immer heiter,
in einigen Wochen sind wir wieder weiter.
Nie ist Juda untergegangen,
trotz seiner Feindschaft größtes Verlangen.
Wer andern eine Grube gräbt,
derselbe nicht mehr lange lebt.

Lager Gurs 1940

Verfasser unbekannt. Muss aber in jedem Fall in Zusammenhang mit dem Bruder von Ernest Loeb, Herrn Adolf Loeb, gestanden haben, also durchaus in Mutterstadt beheimatet gewesen sein.

Bemerkung: Dieses erschütternde Gedicht bringt es auf den Punkt: 1939 hatten die Nationalsozialisten den 2. Weltkrieg begonnen und, wie bekannt, 1945 bedingungslos kapituliert. Das sind exakt die sieben fruchtbaren Jahre, von denen der Autor des Gedichtes spricht: 1939, 1940, 1941, 1942, 1943, 1944, 1945. Fruchtbare Jahre deshalb, so eine Interpretation, weil zum Einen die Nationalsozialisten ihr Schicksal ereilte und letztlich die Grundlagen geschaffen wurden, die zur Gründung des Staates Israel führten.

Autor: unbekannt. Der Herausgeber hält es für richtig, den Verfasser des Gedichtes als Co-Autor zusammen mit den übrigen 35 Autoren zu nennen, die mit Mutterstadt als Juden oder Nichtjuden verbunden sind. Alle Autoren zeichnen mit ihren schriftlichen Festlegungen in Bezug auf den ehemaligen jüdischen Bevölkerungsteil ein umfassendes informatives Bild von Mutterstadt.